Fast jeder zweite Urban-Gärtner in Deutschland greift zur Gießkanne nach Gefühl — und die Pflanzen danken es selten. Viele von uns folgen starren Regeln: „jeden Dienstag gießen“ oder „einmal pro Woche“, unabhängig von Topfgröße, Substrat oder Jahreszeit. Ich arbeite seit Jahren in Pflanzenläden und habe unzählige gegossene (und ertränkte) Pflänzchen gesehen — Zeit, ein paar Mythen zu zerstören.
Der größte Fehler: gießen nach Kalender statt nach Pflanze
Der typische deutsche Haushalt glaubt an feste Rhythmen — praktisch, aber fatal für Wurzeln. Unterschiedliche Arten brauchen unterschiedliche Feuchte: eine Monstera darf gern zwischen den Wassergaben antrocknen, eine Calathea mag dauerhaft leicht feuchten Ballen. Fürs Erste gilt: nicht die Uhr, sondern die Erde entscheidet.
Wie Sie prüfen, ob Wasser nötig ist
- Gefühlstest: Topf anheben — leicht = trocken, schwer = feucht. Das ist mein Standardcheck.
- Fingerprobe: 2–3 cm in die Erde stechen. Feucht? Noch warten.
- Holzstab oder Bambusspieß: kurz rein — klebt viel Erde daran, dann nicht gießen.
- Feuchtigkeitsmesser: für Zimmer mit empfindlichen Pflanzen (Orchideen, Palmen).

Überwässern ist häufiger als vertrocknen
In deutschen Wohnungen mit Heizungssaison passiert Folgendes: oben ist die Erde feucht, aber unten bilden sich Staunässe und Wurzelfäule. Viele Töpfe haben keine ausreichende Drainage, oder Untersetzer bleiben permanent voll — das tötet mehr Pflanzen als Dürren.
Erkennen Sie Überwässerung
- Gelbliche Blätter, die weich werden
- Matschiger Topf oder unangenehmer Geruch (Wurzelfäule)
- Neutrale Reaktion auf Gießen: bleibt schlapp
Praktische Regeln, die wirklich helfen
Diese einfachen Maßnahmen haben mir in der Pflanzenberatung immer geholfen — und Ihren Pflanzen höchstwahrscheinlich auch:
- Sorgen Sie für Löcher im Topfboden. Wenn Sie bei OBI oder Hornbach einen Topf kaufen, prüfen Sie das Loch — notfalls bohren.
- Verwenden Sie passende Erde: Blumenerde für Zimmerpflanzen, Kakteenerde für Sukkulenten. Mischen Sie Grobes (Perlit, Bims) für besseren Abfluss.
- Gießen von unten: Topf für 15–30 Minuten in eine Wanne mit lauwarmem Wasser stellen. So zieht die Erde gleichmäßig Wasser, Wurzelbereich bleibt belüftet.
- Staunässe vermeiden: Untersetzer nach 30 Minuten leeren.
- Beim harten Leitungswasser: Regenwasser oder entkalktes Wasser nutzen — besonders für empfindliche Pflanzen wie Calathea oder Gardenie.
Saisonale Anpassungen
Im Sommer verdunstet mehr — öfter prüfen, aber keine Panik: sichtbare Trockenheitsanzeichen sind Ihr Signal. Im Winter gelten andere Regeln: Heizungsluft trocknet zwar Blätter, doch Wurzeln brauchen meist weniger Wasser. Viele Menschen gießen im Winter zu viel, weil die Blätter dünn und schlapp aussehen — oft ist das ein Lichtproblem und kein Durst.

Ein konkretes Beispiel
Letzte Saison hatte ich eine Monstera in meiner Küche: jeden Sonntag Wasser, Ergebnis: gelbe Blätter. Nach Umstellung auf Gewichtstest (trocken = leicht) und einmal pro zwei Wochen von unten gegossen, schaute die Pflanze nach 6 Wochen wie neu aus. Kein Hexenwerk — nur Beobachtung und Konsequenz.
Bonus-Tipps vom Profi
- Beschriften Sie Ihre Pflanzen mit Gießintervallen und letzten Prüfungen — besonders hilfreich für Urlaubsvertretung.
- Investieren Sie in eine kleine Sprühflasche: einige Blattpflanzen lieben gelegentliche Blattfeuchte.
- Wenn Sie oft unterwegs sind: automatische Tropfer oder Wasserspeicher-Systeme von Pflanzenfreunden kaufen (z.B. im Gartencenter).
Gießen ist keine Zauberei, sondern Beobachtung. Nehmen Sie sich fünf Minuten pro Woche — Ihre Pflanzen werden es Ihnen mit gesunden neuen Trieben danken. Haben Sie eine Gieß-Story oder eine Pflanze, die Sie retten konnten? Schreiben Sie es in die Kommentare, ich antworte gern.









