Ein Blick auf die Fensterbank reicht: die eine Pflanze matschig, die andere mit braunen Blattspitzen. Viele von uns gießen nach Gefühl – und das ist genau das Problem. Tatsächlich ist Überwässerung häufiger als Durst. Ich schreibe das nicht aus Theoriebüchern, sondern aus Jahren mit gescheiterten und geretteten Pflanzen im Berliner Kiez und auf dem Balkon im Sommer.
Warum „einmal pro Woche“ Unsinn ist
Kalendersätze wie „einmal pro Woche gießen“ sind bequem, aber irreführend. Pflanzen haben unterschiedliche Bedürfnisse je nach Topfgröße, Substrat, Jahreszeit und Standort. Eine große Ficus im 30‑Liter‑Topf braucht deutlich seltener Wasser als ein kleiner Basilikum im Balkonkasten. Entscheidend ist der Feuchtigkeitszustand der Wurzelzone, nicht der Wochentag.

Die wichtigsten Regeln – kurz und praktisch
– Fingerprobe: Stecken Sie den Finger 2–5 cm in die Erde. Fühlt sie sich trocken an, gießen. Feucht? Warten.
– Gießen, bis Wasser aus dem Abflussloch läuft; nach 20–30 Minuten überschüssiges Wasser aus dem Untersetzer entfernen.
– Morgens gießen – vor allem auf dem Balkon: die Pflanze kann Wasser aufnehmen und Blattnässe verdunstet schneller.
– Verwenden Sie raumwarmes Wasser; hartes Leitungswasser kann Kalkränder verursachen. Regenwasser ist ideal.
– Für Sukkulenten und mediterrane Pflanzen: tief und selten. Für tropische Pflanzen: gleichmäßig feucht, aber nicht dauerhaft nass.
Was die meisten falsch machen — und wie Sie es besser machen
1) Zu häufig, aber zu wenig: Viele tropfen täglich ein paar Milliliter. Das fördert flaches Wurzelwachstum und Pilzbefall. Besser: seltener gründlich wässern.
2) Untersetzer ständig voll lassen: Stehendes Wasser ist oft der Beginn von Wurzelfäule. Nach dem Gießen Untersetzer leeren.
3) Falsches Substrat: Universalerde für alles ist bequem, aber schlecht. Schwerere Gartenböden halten zu viel Wasser; lockere Erdmischungen mit Perlite/Blähton verbessern Drainage. Bei Hornbach oder Dehner gibt es spezielle Mischungen für Zimmerpflanzen und Kräuter.
4) Temperaturschock: Kaltes Wasser aus dem Hahn? Pflanzen reagieren sensibel. Lassen Sie Wasser kurz stehen oder nutzen Sie lauwarmes Wasser.

Konkrete Schritte: So gießen Sie heute richtig
1. Prüfen: Fingerprobe oder Feuchtigkeitsmesser (z. B. Gardena‑Modelle) in die Wurzelzone.
2. Gießen: Langsam gießen, sodass die Erde durchsickert — nicht in einem Schwall.
3. Ablauf prüfen: Wasser sollte aus dem Drainageloch laufen. Nach 20–30 Minuten Untersetzer leeren.
4. Notieren: Standort und Gießverhalten eine Woche beobachten und anpassen. Sehr praktisch bei mehreren Pflanzen: einfache Liste auf dem Handy.
Spezialfälle kurz erklärt
– Sukkulenten/Kakteen: Erde komplett austrocknen lassen, dann ordentlich gießen.
– Orchideen: Substrat nur befeuchten, nie dauerhaft nass. Bei Topf mit Rinde lieber tauchen statt gießen.
– Hydrokultur: Regelmäßige Kontrolle des Wasserniveaus und EC‑Werte beachten.
– Kräuter auf dem Balkon: Hohe Temperaturen = häufigeres Gießen, aber gute Drainage ist Pflicht.
Ein paar Mythen
– „Zimmerpflanzen brauchen weiches Wasser“ – besser: Raumtemperatur + gelegentlich Regenwasser ist ideal.
– „Blätter regelmäßig einsprühen“ – sinnvoll bei tropischen Arten, aber nicht als Ersatz für Gießen. Blattnässe kann Pilzprobleme fördern.
Zum Schluss ein offener Tipp aus der Praxis: Kaufen Sie keinen Feuchtigkeitsmesser, wenn Sie die Fingerprobe noch nie ausprobiert haben. Viele Geräte lügen bei dichtem Substrat; Ihr Finger lügt nie. Und wenn Sie wirklich unsicher sind — fragen Sie den Gärtner im lokalen Gartencenter (z. B. Dehner, OBI) oder posten Sie ein Foto in Ihrer Nachbarschaftsgruppe. Pflanzen mögen Routine, aber nicht Gleichschritt.
Teilen Sie Ihre schlimmste Gieß‑Panne oder Ihren besten Rettungs‑Trick in den Kommentaren — ich sammle die besten Geschichten für Teil 2.









